Irrtümer des Mittelalters

Das Mittelalter, eine dunkle und rückschrittliche Zeitepoche? - Weit gefehlt: In der heutigen Zeit herrschen viele Irrtümer vor. Findige Autoren aus den Bereichen Literatur und Film haben viele falsche Blickwinkel auf das Mittelalter eröffnet. Wir wollen hier mit einigen Irrtümern abrechnen und euch die uns bekannten Fakten präsentieren! Quellen für die korrekten Tatsachen bietet die einschlägige Literatur, die unter „Nützliche Literatur und Quellen“ aufgeführt ist.

 Als Anmerkung vorweg: Das Mittelalter ist ein weitreichender Begriff. Es erstreckt sich über eine Zeitspanne von rund 1000 Jahren, von ca. 500 bis 1500 n. Chr. Die Grenzen von Früh-, Hoch- und Spätmittelalter sind fließend, weil es keine konkreten Wendepunkte gibt. Viele Leute rechnen die Zeit von 1000 bis 1400 n. Chr. dem Mittelalter zu, doch dies ist nur ein Teil davon.

 

Inhaltsverzeichnis

Das Mittelalter verlief überall chronologisch gleich

Das stimmt nur bedingt, denn das Fehlen von Internet, Radio, Telefon und anderen Massenmedien verhinderte eine rapide Informationsverbreitung. Viele Entwicklungen geschahen parallel und doppelt. Neue Kunde verbreitete sich lediglich über Reisende und fahrende Händler und somit sehr langsam. Auch gab es noch keine Kraftfahr- und Flugzeuge, womit eine schnelle Reise unmöglich war und die Welt für die damaligen Menschen schier riesig war.

Keuschheitsgürtel

Ein Keuschheitsgürtel gab es nicht wirklich. Dieses „Kleidungsstück“ wurde erst viel später, vermutlich im Barock, „entworfen“. Eine weitere Entwicklung hat die Romantik mit ihrer Märchendarstellung des Mittelalters beigetragen. Die früheren Funde dieser Keuschheitsgürtel stellten sich Großteils als Konstruktionen des 19. Jahrhunderts heraus.

Die Entdeckung Amerikas

Allgemeine Lehrmeinung ist, dass Kolumbus Amerika für Europa entdeckt hat. Dies stimmt nur bedingt, da bereits um 1000 n. Chr. herum nachweislich die Wikinger in Neufundland landeten. Kolumbus machte jedoch den neuen Kontinent publik, wodurch er in den Fokus der Entdecker geriet.

Körpergröße

Oftmals hört man, dass die Menschen im Mittelalter viel kleiner waren, als heutzutage. Dies stimmt nur zum Teil. Da sich die menschliche Entwicklung nicht so rapide in wenigen hundert Jahren verändert und wir heute auch kaum winzige Menschen haben, gibt dies den ersten Hinweis. Wer früher die Mittel hatte, ausreichend Proteine und Vitamine zu sich zu nehmen, wurde genau so groß, wie wir heute. Lediglich lange Hungerperioden oder andere Einflüsse, die die nährstoffhaltige Nahrungszufuhr störten oder gar unterbrochen, hatten damit Einfluss auf die Körpergröße.

Ritter mussten in ihren Rüstungen via Kran auf ihr Pferd gehievt werden

In vielen neueren Bildern und Filmen sieht man, dass die edlen Ritter mitsamt ihrer Plattenrüstung mit Hilfe eines Krans auf ihr Pferd gesetzt wurden. Dies ist eine falsche Darstellung. Eine damalige Vollplattenrüstung wog in etwa 40 Kilogramm. Die Menschen früher waren auf Grund ihrer körperlichen Tätigkeit und das Fehlen von modernen Maschinen kräftiger gebaut. Auch heutige Soldaten laufen teilweise bis zu 40 Kilogramm relativ problemlos herum. Folglich konnte ein Ritter in Rüstung auch alleine auf sein Pferd aufsteigen. Dazu mag er sicherlich eine Aufstiegshilfe verwendet haben, aber sicherlich keinen Kran. Es stimmt jedoch, dass ein Ritter am Boden sich schwer tat, wieder aufzustehen und somit verwundbar war. Jeder, der einmal einen schweren Rucksack getragen hat, wird dies bestätigen können.

Die Erde ist eine Scheibe

Häufig unterstellt man dem Mittelalter die Annahme, die Erde sei eine Scheibe. Dies stimmt jedoch nicht. Es gibt einige Hinweise, die darauf deuten, dass man bereits im 500 Jahrhundert nach Christus wusste, dass die Erde rund war. Der Heilige Augustust (354 – 430 n. Chr.) beispielsweise verkündete, die Unterseite der Erdkugel ist vollständig von Wasser bedeckt sei, aber dort kein Mensch leben würde. Auch gab es bereits mehrere Versuche, den Umfang der Erdkugel zu berechnen. So auch der irische Mönch Dicuil oder Kolumbus Kritiker. Gerade Kolumbus war ein Paradebeispiel für die runde Annahme. Er hatte sich jedoch verrechnet, was den Umfang anbelangte. Wäre er nicht auf Amerika gestoßen, hätte er Asien mit seinen Schiffen niemals erreichen können, denn seine Mannschaft wäre verhungert und verdurstet.

Ritter hatten nur Plattenrüstungen

Jeder, der an einen Ritter denkt, hat ein Bild von einem Mann in voller Plattenrüstung. Auch viele Filme greifen dieses Bild auf und verzerren hiermit den Blick auf das Wesentliche. Die Plattenrüstung wurde erst im Laufe des 14. Jahrhunderts entwickelt und gegen Anfang des 15. Jahrhunderts stellte sie die Hauptrüstung eines Ritters da. Vor dem 14. Jahrhundert war die Hauptrüstung eine Kettenrüstung, die erst später mit immer mehr Plattenelementen ersetzt wurde und so schließlich zur Plattenrüstung wurde.

Ein weiterer Irrglaube ist, dass ein Ritter immer und zu jedem Anlass damit herumgelaufen ist. Ein Ritter hatte auch normale Kleidung, die er außerhalb von Turnieren und Kämpfen trug. Niemand würde freiwillig in einer bis zu 40 Kilogramm schweren Rüstungen Tag ein, Tag aus herumlaufen wollen.

Schwerter und das Tragen von Schwertern

Häufig kann man auf Mittelalterveranstaltungen oder in Filmen sehen, dass jeder, egal ob Mann oder Frau, Jung oder Alt, Ritter oder Handwerker mit einem Schwert herum läuft. Das ist ein sehr falsches Bild. Schwerter waren sehr teuer und in erster Linie ein Standes- bzw. Statussymbol. So gab es zeitweise in verschiedenen Regionen Europas sogar ein Verbot gegenüber Nicht-Adeligen, Schwerter am Körper bei sich zu führen.

Doch die Annahme, Schwerter seien generell nur für Ritter und Adelige gewesen, stimmt auch nicht. König Friedrich I. lies in einer Verfügung 1152 kundtun, dass Händler und Reisende ihr Schwert nicht am Körper führen durften, sondern sie auf dem Wagen oder am Pferd befestigen mussten.

Der nächste Punkt ist das Tragen von Schwertern im Alltag. Niemand lief früher den ganzen Tag über mit einem Schwert am Gürtel herum, da es viel zu unhandlich war. Vielmehr wurden zu besonderen Anlässen, meist Zeremonien oder Festumzügen Waffengurte getragen und dann auch nur von der besseren Bevölkerungsschicht. Das „einfache Volk“ hatte meist lange Messer, die zwar auch schon fast an Schwertlänge herankamen, aber nur einseitig geschärft waren.

Im Alltag hatte man vielmehr ein „Essmesser“ oder ein Dolch am Gurt. Auf besonderen Anlässen wurden die Schwerter auch oft in der Hand getragen, um die Waffe zur Schau zu stellen. Auf einigen historischen Abbildungen kann man dies gut erkennen.

Zog man in die Schlacht, reiste man auch nicht mit der Waffe am Gurt. Vielmehr wurden die Schwerter und andere Waffen in Karren oder an Pferden transportiert. Auch wurde in einem Kampf nicht mit dem Schwertgurt gekämpft, denn die historisch korrekten Schwertscheiden hatten einen Holzkern und waren somit starr. Die Gefahr, damit unbeabsichtigt hängen zu bleiben oder darüber zu stolpern war viel zu groß. Schwertscheiden am Rücken gehören in die Welt der Fantasie, denn es ist anatomisch so gut wie unmöglich, ein Schwert, dass am Rücken befestigt ist, zu ziehen. Zu malen auch die Zeit dafür viel zu lange wäre.

Es gab früher ein Deutsches Reich

Das Land „Deutschland“ gibt es erst seit 1945. Der Begriff „Deutsches Reich“ beschreibt die territoriale Ausdehnung des Landes zwischen 1871 und 1945, wobei es bekanntlich nach dem Ersten Weltkrieg verkleinert wurde. Das mittelalterliche „Deutschland“ trug den Namen „Heiliges Römisches Reich“ (kurz HRR). Ab dem Spätmittelalter wurde der Name erweitert zum „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“. Es war auch unüblich, sich im Mittelalter als „Deutscher“ zu sehen. Vielmehr war ein Landesbewohner aus Mühldorf a. Inn ein Bayer, ein Stadtbewohner aus Dresden ein Sachse.

Steckstühle

Wer kennt sie nicht, die Steckstühle aus zwei Brettern. Fast auf jedem Mittelalterfest und in immer mehr Filmen sieht man sie. Doch kommen die Stühle eigentlich aus Afrika und wurden erst in den 1960er Jahren in Europa bekannt. Sie haben rein Garnichts mit dem europäischen Mittelalter zu tun. Eine gängige Sitzgelegenheit des Mittelalters war nämlich die Bank. Stühle im Allgemeinen waren eher den Wohlhabenderen vorbehalten und auch auf einem Lager sehr unpraktisch.

Hexenverbrennungen

Viele Menschen verbinden mit dem Mittelalter die Zeit der Hexenverbrennungen. Doch tauchen die Hexenverbrennungen erst im 16. Und 17. Jahrhundert auf. Es gab zwar schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts Hexenurteile, doch waren die in den seltensten Fällen tödlich.

Auch spielte die Haarfarbe keinerlei Rolle. Aus alten Aufzeichnungen geht hervor, dass die verurteilten Hexen unterschiedlicher Haarfarbe waren. Vielmehr wurden die Hexenverbrennungen und –prozesse dafür verwendet, unbeliebte oder unbequeme Mitbürger(innen) zu „entsorgen“.

Gottesurteile

Ein weiterer Irrglaube sind die sogenannten Gottesurteile, in denen der Verurteilte immer der Tod erlitt. Es gab zwar solch Gottesurteile in Europa, doch waren sie eigentlich gegen Ende des 13. Jahrhunderts so gut wie ausgestorben. Bekannt sind z. B. folgende Situationen:

Eine Frau wird ins Wasser geworfen. Wenn sie Schwimmen kann, ist sie eine Hexe und wird hingerichtet, wenn sie untergeht, war sie unschuldig. Diese Form des Gottesurteils gab es tatsächlich, aber in anderer Form. Wenn besagte Person unterging und augenscheinlich ertrank, wurde sie wieder aus dem Wasser gezogen. Starb sie tatsächlich, so war dies nur ein Unfall, nicht die Regel. Doch wie bereits erwähnt waren ab dem 13. Jahrhundert die Gottesurteile eher die Seltenheit, da sich im mittelalterlichen Europa ein Rechtssystem entwickelte.

Im Mittelalter wurde sich nicht gewaschen – jeder stank

Ein weit verbreitetes Gerücht. Im Mittelalter gab es viele Badehäuser und Hygiene war wichtig. Die Hygiene war zwar nicht so ausgeprägt, wie heute, aber dennoch bekannt. In die früheren Badehäuser wurde regelmäßig gegangen, Wohlhabendere auch häufiger. Es gab auch, je nach Finanzlage, die Möglichkeit, Badesalze, Öle, Kräuter oder ähnliches ins Bad hinzuzugeben. Ein Badehaus kann man sich jedoch nicht wie ein heutiges Schwimmbad vorstellen. Vielmehr waren es große Räume mit vielen Badezubern, in denen mehrere Leute gleichzeitig gebadet haben. Gesellschaft war im späteren Mittelalter nämlich ein hohes Gut.

Im Mittelalter wurde sich totgearbeitet

Häufig stellt man sich die einfache Bevölkerung schwer arbeitend, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang vor. Das Leben eines „einfachen Mannes“ war hart und unbesonnen. Dies stimmt nur zum Teil. In der Hochzeit, also der Zeit der Saat und der Ernte, mussten die Bauern tatsächlich viel arbeiten, doch gab es auch ruhigere Zeiten. Auch waren im Mittelalter eine Vielzahl an kirchlichen Feiertagen existent, wodurch im Schnitt jeder dritte Tag gar nicht oder nur wenig gearbeitet wurde.

Trinkhörner

Häufig sieht man sie an Gürteln Baumeln, auf Tischen im Ständer stehen und bei Shops zu kaufen: Trinkhörner. Man schreibt sie den wilden Wikingern zu, den freien Landleuten und grausamen Kulten. Doch in Wirklichkeit ist das alles Unfug. Es gibt eine Darstellung (Teppich von Bayeux) aus dem 11. Jahrhundert, die zeigt, dass dort Personen aus Gefäßen trinken, die wie ein Horn aussehen. Häufig wird diese Darstellung dazu verwendet, den Einsatz eines Trinkhornes zu legitimieren. Doch erkennt man nicht, aus welchem Material es sich handelt. Es gibt auch Funde, die darauf hinweisen, dass Trinkhörner einen rein rituellen Zweck hatten und somit die Ausnahme, statt der Regel waren. Auch hat man trinkhornähnliche Gefäße aus Glas und Ton gefunden, wodurch eine tatsächliche Verwendung des Horns sehr unwahrscheinlich wird.

Die durchschnittliche Lebenserwartung im Mittelalter war sehr gering

Viel Menschen glauben, im Mittelalter wurden die Leute nicht alt. Das ist jedoch nur teilweise richtig. Es gab auch im Mittelalter alte Menschen. Fakt ist, dass die Medizin bei weitem nicht so weit entwickelt war, wie heutzutage und somit Krankheiten, die heute relativ problemlos geheilt werden können, früher mitunter tödlich verliefen. Auch konnte sich auf Grund der nicht sterilen Umgebung bei Geburten sowie fehlendes medizinisches Wissen Todesfolgen bei Geburten ergeben, doch war das eher die Ausnahme. Warum jedoch das Durchschnittsalter relativ gering ausfiel, hat mit mehreren Faktoren zu tun: Kriege, Hungersnöte, Völkerwanderungen, Krankheiten. Je nach Zeitepoche war also das Durchschnittsalter höher oder niedriger. Betrachtet man z. B. das 14. Jahrhundert, in dem eine große Hungersnot (1315 – 1322), die Pest (Schwarzer Tod 1347 – 1353), die letzten Ausläufer der Kreuzzüge und insgesamt neun große Kriege weite Teile der Bevölkerung dezimierten, dürfte das Durchschnittsalter jeder Erwartung nach recht gering ausfallen.